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Sasha Marianna Salzmann - Außer sich

Puh… erstmal durchatmen.
Ich musste mich schon lange nicht mehr durch ein Buch so durchquälen, wie es bei „Außer sich“ leider der Fall war.

Irgendwie schrie das gesamte Buch „Schau mich an, ich bin so speziell, so anders und alternativ!“, was bereits beim Namensverzeichnis anfing. Es mag ja löblich sein, dass sich dieses angenehmerweise gleich zu Beginn des Buches befindet, aber in dieser Form war es einfach nur ein schlechter Scherz und eher verwirrend als hilfreich.

Ich muss zugeben, dass ich mir im Voraus nicht die gesamte Leseprobe zu Gemüte geführt habe. Ich fand allerdings den Klappentext sehr interessant und vielversprechend und habe kurz die ersten paar Seiten gelesen und für durchaus gut befunden. Dass es nach der kurzen Einführung stilistisch aber bergab gehen sollte, konnte ich nicht ahnen. Aus dem ganz zu Beginn noch, sagen wir, normalen Stil, der nicht unbedingt etwas Außergewöhnliches, aber dennoch gut lesbar war, wurde schnell ein Etwas, an das ich mich so schnell nicht gewöhnen würde. Gerade in der ersten Hälfte bestanden viele Absätze fast nur aus einem einzigen Satz. Wäre ja noch okay gewesen, wenn es sich um ordentliche, logische Schachtelsätze gehandelt hätte. Kein Problem. Aber das war einfach eine durch Kommata getrennte, wüste Aneinanderreihung von Gedanken und Gedankenfetzen, die mir schon sehr zeitig das Lesevergnügen nachhaltig trübte. Bei literarischen Themen bin ich ja grundsätzlich offen für alles, aber das Lesen muss auch Spaß machen – hier war es zumindest für mich dann nur noch eine Qual. Da trösteten letztendlich auch die recht häufig vorkommenden Metaphern und leichten Wortspiele, von denen ich ja grundsätzlich eher ein Freund bin, nicht mehr so richtig über den Rest hinweg.

Inhaltlich würde ich die Geschichte auch eher als durchwachsen bezeichnen. Alis Suche nach ihrem Bruder in Istanbul ließ mich völlig kalt, was vermutlich auch daran lag, dass ich mit ihr als Protagonistin nichts anfangen konnte. Sie war mir einfach durch ihre Handlungen, Aussagen, Gedanken durchweg unsympathisch. [ACHTUNG kleiner Spoiler:] Diese spontan erscheinende Idee, doch einfach mal wie ihre Bekanntschaft das Geschlecht zu wechseln, weil man es kann, und dann noch mit Testosteron unbekannter Herkunft direkt vom Händler um die Ecke? [Spoiler ENDE] Nein, für mich in ihrem Hintergrund schon nicht nachvollziehbar, zumindest nicht aus dem Kontext des Buches heraus, und weiterhin in ihrer Durchführung schlicht und ergreifend dumm. Und dumme Charaktere können mir ein Buch ganz gewaltig vermiesen. Zu diesem Zeitpunkt konnte das Lesen für mich einfach kein gutes Ende mehr nehmen und ich war kurz davor, abzubrechen.

Selbst die grundsätzlich interessanten Passagen, in denen die Familiengeschichte ihrer russischen Vorfahren erzählt wurde, konnten hier nicht mehr allzu viel retten. Diese eingeschobenen, unsortierten Geschichten waren zumindest spannender als Alis Geschichte in der Fast-Gegenwart, auch wenn es immer eine leichte Umstellung war, wenn man versuchen musste, die Episoden in eine zeitliche Reihenfolge zu bringen. Aber insgesamt waren dies noch die lesenswertesten weil inhaltlich für mich wesentlich interessanteren Episoden.

Tatsächlich habe ich es im Nachhinein bereut, das Buch nicht nach der Hälfte oder zumindest vor dem letzten Abschnitt abgebrochen zu haben. Nicht ausschließlich wegen der verlorenen Zeit, vielmehr wäre mein Urteil tatsächlich einen Stern besser ausgefallen, weil die Sprache ja bis auf die oben beschriebenen Mängel eigentlich nicht schlecht war. Aber das letzte Stück, das die Geschehnisse in Istanbul vorrangig aus Antons Sicht schildert, ohne erholsame Passagen mit der Familiengeschichte, war einfach kaum noch erträglich. Die Autorin hat es doch geschafft, Anton noch unsympathischer, komischer, gar weltfremder (zumindest für meine Welt) darzustellen. Der Abschnitt hat für mich hinreichend demonstriert, wovon ich schon eine Weile überzeugt war: Dass die Beziehung der beiden Geschwister nicht normal ist und beide generell in einer Therapie gut aufgehoben wären – und bei Beziehung rede ich noch nicht mal unbedingt von den sexuellen Tendenzen.

Vielleicht sollte die Autorin lieber beim (modernen) Theater bleiben. Dort kann ich mir sowohl Stil als auch Figuren ganz gut vorstellen und vor allem weiß ich da, dass ich bewusst einen großen Bogen darum gemacht hätte.
22.11.17 11:04
 
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